Über Selbstliebe, das Selbstbild und Veränderungen nach der Geburt: Ein Erfahrungsbericht mit @fraeuleinchaos

Ich war vor einigen Jahren an dem Punkt, dass ich der völligen Überzeugung war, zu “kaputt” und “eine Belastung für alle” zu sein. 

Dies lag mitunter an einem Mann, den mein Therapeut heute “Täter” nennt. Dieser Mensch meinte, dass mein Nicht-Interesse an einer Beziehung mit ihm Grund genug sei, jedes Selbstwertgefühl physisch und psychisch aus mir heraus zu wringen. Seine Worte, Taten und die Gefühle, die sie in mir auslösten, sind mir noch heute sehr präsent. 


Dennoch bin ich nun, viele Jahre später, glücklich mit meiner Schulliebe verheiratet und Mutter eines 1-jährigen Sohnes. Es ist viel passiert und doch ist  “Selbstliebe” etwas, womit ich bis heute von Zeit zu Zeit Probleme habe. Ich habe Narben, die man nicht sehen kann und erst erklären muss. Ein dickes Fell oder gar Standhaftigkeit sind für mich Erfolgserlebnisse, kein Standard. 

 

So wurde es, wie erwartet, nicht einfacher für mich, als unser Kind auf die Welt kam. 


Als frische Mama, gerade aus dem OP aufs Zimmer geschoben, sah ich mich immer kleiner werden. Die erste Nacht saß ich am Bettrand, schaute unserem Baby beim Schlafen auf dem Bauch seines Vaters zu und statt vor Glück überwältigt zu sein, weinte ich schrecklich. Nach 14 Stunden Wehen musste ein dringender Kaiserschnitt eingeleitet werden. Die Chirurgin sagte noch im OP zu meinem Mann, dass “das niemals hätte natürlich funktionieren können”. 


Dieser Satz traf mich hart und ich verlor für einige Zeit das Urvertrauen in meinen Körper. Warum ging das nicht? Genau dafür war mein Körper doch gemacht? Ich konnte unterhalb meines Bauchnabels wegen des Schnitts auch lange nichts fühlen. Hinzu kam, dass wir Stillprobleme hatten und ich die ersten zwei Wochen darauf angewiesen war, dass mir jemand beim Anlegen hilft. So hatten bereits im Krankenhaus sehr, sehr viele Menschen meine Brüste mal mehr, mal weniger einfühlsam in der Hand. So nötig und richtig das alles war, mein Verhältnis zu meinem Körper hat sich sehr verändert in der Zeit. Er fühlte sich fremd an, und das hat mir Angst gemacht. 


Ich fühlte mich in mir nicht mehr zu Hause. Und das machte mich noch anfälliger für alles, was nun kam. 

Wenn man ein Baby bekommen hat, dann hat JEDER einen Ratschlag parat. Ob danach gefragt wurde oder nicht. 

“Der hat ja gar keine Handschuhe an!” - Nein, es sind 11 Grad draußen. Passt schon.

“So langsam sollte der aber mal durchschlafen!” - Nein, er ist 5 Monate alt. Er schläft irgendwann durch wenn er soweit ist.

“Schreien stärkt die Lunge!” - Um Himmels Willen! Nein! Der Spruch stammt aus Zeiten des Nationalsozialismus und ist tiefergehende Recherche definitiv wert, denn mit “liebevoll” hat diese Methode rein gar nichts zu tun. 

 

Okay, alles klar, aber die folgende Situation war gar nicht so einfach für mich. Hier ging es wieder um meinen Körper, mein wundes Thema. Das Baby clusterte heftig und schien mit meiner Brust verwachsen zu wollen, Tag und Nacht. Die Hebamme meinte auf Nachfrage: “Deine Milch ist zu schlecht, du musst mehr essen!”. Und so aß ich. So viel mehr als ich wollte. Weil ich sollte. Ich hatte das Gefühl, auf Geheiß gemästet zu werden. Bis ich von Schüben erfuhr, viel dazu las und es plötzlich Sinn ergab, dass unser Sohn meine Milchproduktion anregte und sie so seinen bevorstehenden Bedürfnissen anpasste. Dass mein Körper eher mich abbauen würde, als dem Baby “schlechte Milch” zu geben. 


Dieses Erlebnis hat mich motiviert, beim kleinsten Fragezeichen genauer hinzuschauen. Zu prüfen, ob etwas belegbar ist. 

Wissen ist für mich Selbstliebe, gerade als Mutter. 

Für Unkonkretes und schlicht Falsches habe ich keine Zeit mehr.


Das ist noch so ein Ding, seitdem der kleine Mann da ist: Man sortiert Wischiwaschi und Bullshit (pardon) aus. Das betrifft viele Bereiche: Gesprächsthemen, den eigenen Alltag und vielleicht sogar Freundschaften. 


 

Aber auch das ist Selbstliebe für mich. Konkret sagen was ich denke, denn nur so kann man mich verstehen oder mir helfen, wenn ich etwas brauche. Gedanken lesen ist leider noch kein Ding, auch wenn mir das als introvertierte Kartoffel sicherlich manchmal lieber wäre. Weil es unangenehm sein kann, um Hilfe zu bitten. Dinge an- und auszusprechen. 

Aber ich wachse so sehr daran, hier immer öfter über meinen Schatten zu springen. Und noch nie hat mir jemand - wie befürchtet - den Kopf abgerissen, weil ich etwas anzumerken hatte. 


So, jetzt auch mal zu weniger existenziellen Dingen, die mir gut tun. Es kann ja auch einfacher sein als sich Erkenntnisse zu erarbeiten. 


Zum Beispiel liege ich seit Mitte der Schwangerschaft fast jeden Abend in der Badewanne. Ich liebe warmes Wasser und die Ruhe tut mir gut. Es ist eine Pause von der Welt (bis das Babyfon tönt natürlich). Nach der Geburt musste ich mich in der Wanne natürlich auch mit meinem Körper auseinandersetzen, wenn ich nicht die ganze Zeit mit geschlossenen Augen dünsten wollte. Im Wasser habe ich meine Narbe das erste Mal betrachtet. Die blaulilanen Dehnungsstreifen nachgemalt. Meinen weichen Bauch gestreichelt. Ich brauchte Zeit mit meinem Körper, um mich in ihm wiederzufinden. 


Und wo wir gerade bei Körperlichem sind: Kuscheln mit Mann und Kind tut mir gut. Die beiden lieben mich als wäre es das einfachste auf der Welt. Sie berühren mich ohne Blick für die Makel, die ich selbst inzwischen nicht mehr so nennen würde, es aber insgeheim bis vor gar nicht allzu langer Zeit getan habe. Sie machen es mir leichter, mich zu lieben, weil sie es so ehrlich vorleben. 


Ab und zu mal rauskommen ist sicherlich auch nicht verkehrt. Und damit meine ich nicht den Wocheneinkauf! Also, doch, schon manchmal. Manchmal tut es einfach unglaublich gut, alleine durch die Gänge zu schlendern und die Leckereien einzupacken, die man dann ohne große, schmachtende Augen alleine im Auto vernascht, bevor man heim fährt. 


Aber das sollte nicht die Einzige Me-Time sein, okay? Trefft Freundinnen, findet andere Mamis und tauscht euch aus. Es muss keinen Tiefgang haben. Pandemieweise, und weil wir hier noch neu im Ort sind, hatte ich kaum Anschluss zu anderen Müttern. Dann wurde ich beim Gassi angesprochen und in eine Whatsappgruppe eingeladen, in der sich alle Neu-Mamis aus unserem Ort zusammen fanden. Was für eine tolle Idee! Inzwischen bin ich schon öfter auf einen Kaffee bei unserer Nachbarin gewesen und die Kids verstehen sich prima. Oder es wird Bescheid gesagt, wenn man auf den Spielplatz geht. Wer Zeit und Lust hat, macht sich auf die Socken und kommt dazu. Ich bin ehrlich so froh über diese Whatsappgruppe, ich habe mich sehr nach Anschluss gesehnt. Man geht zuhause ja doch ein wenig ein, wenn alle Freunde vor Ort noch kinderlos sind und eher abends Zeit haben. 


Ansonsten: Gönnt euch mal was. Geht zum Friseur, zur Massage, einfach mal aus. Esst vernünftig und regelmäßig. Es sind tatsächlich oft die vermeintlich kleinen Dinge, die große Gefühle und die nötige Balance bringen. Ausgebrannt schafft man nichts - Been there, done that. Kann ich nicht empfehlen.


Wenn ihr eure eigene Kindheit oder andere Probleme aufarbeiten müsst, sucht euch einen Therapieplatz. Das war eine der beste Entscheidungen meines Lebens, die ich auch erst als Mutter getroffen habe. Allein durch diese Therapie kann ich unserem Sohn eine so viel bessere Mutter sein als ich es vor Jahren für möglich hielt.


Passt auf euch auf und räumt euch selbst Zeit und Liebe ein. Das habt ihr bedingungslos immer verdient, aber eben ganz besonders jetzt.

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